Kusadasi-Hafen

Kusadasi – Atatürk-Denkmal | Foto Creative Commons

 

Noch empfehlen viele der deutschen Reiseveranstalter ihren Kundinnen und Kunden „guten Gewissens“ Erholungsreisen in die Türkei. Jetzt, da die Preise für Reisen an den Bosporus und für Aufenthalte in der Türkei ins Bodenlose sinken, erscheinen diese „Empfehlungen“ sehr fragwürdig. Endgültig disqualifiziert haben die Führungsköpfe der Branche sich aber, als sich nur eine sehr kleine Zahl von ihnen zur diesjährigen Jahrestagung des Verbans angemeldet haben – die in der Stadt Kuşadası in der Türkei stattfinden sollte.

Dazu der DRV (Deutscher ReiseVerband) auf der eigenen Homepage im Wortlaut:
„… Der türkische Reisebüroverband Türsab und der Deutsche ReiseVerband (DRV) haben gemeinsam beschlossen, die diesjährige DRV-Jahrestagung nicht wie geplant vom 27. bis 29. Oktober in Kuşadası zu veranstalten, sondern auf einen späteren Zeitpunkt im Jahr 2018 zu verschieben. Stattdessen lädt der Branchenverband für den gleichen Zeitraum nach Berlin ein. …“
Und weiter: „… In Anbetracht der anstehenden Vorstandswahlen und der notwendigen demokratischen Legitimation wird der Kongress inklusive Mitgliederversammlung zum vorgesehenen Termin vom 27. bis 29. Oktober nach Berlin verlegt. Damit soll sichergestellt werden, dass möglichst viele Mitglieder an den turnusgemäß anstehenden Vorstandswahlen teilnehmen. Auch haben damit alle Branchenteilnehmer die Gelegenheit, die wichtigsten und drängendsten Themen wie Pauschalreiserichtlinie und gewerbesteuerliche Hinzurechnung live mitzudiskutieren.
„Wir hoffen, dass sich viele unserer Mitglieder nun kurzfristig entscheiden dabei zu sein, um sich über aktuelle Themen zu informieren und mit ihrer Stimme bei den DRV-Vorstandswahlen dazu beitragen, die Weichen für die Verbandsarbeit der kommenden drei Jahre zu stellen“, ruft DRV-Präsident Norbert Fiebig zur Teilnahme am Branchentreffen auf.
„Die Entscheidung ist uns nicht leicht gefallen“, fasst Fiebig die Diskussion im DRV-Vorstand zusammen. „Wir als Interessenvertretung der Branche als auch unsere Mitglieder pflegen einen langjährigen guten und konstruktiven Austausch mit unseren touristischen Partnern in der Türkei. Es gibt eine tiefe Verbundenheit und eine sehr ausgeprägte, vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Türsab, den türkischen Hotelpartnern und touristischen Dienstleistern in der Türkei. Wir bedauern es sehr, dass wir die Tagung nicht wie vorgesehen durchführen können, sind aber überzeugt, dass wir in 2018 einen deutlich größeren Zuspruch erreichen werden. Der DRV-Vorstand wird seine nächste Klausurtagung in der Türkei abhalten.““

 

Angst vor Verhaftungen

 

Die wahren Gründe für die sehr kurzfristige Entscheidung, die der DRV-Vorstand erst vor einer Woche veröffentlicht hat, dürften allerdings durchaus andere gewesen sein.
So berichtete das Branchenportal „gloobi.de“ (Claim: “ News für Reiseprofis“) noch einen Tag vor der Veröffentlichung der DRV-Entscheidung davon, dass Walter Krombach, Chef der Willy-Scharnow-Stiftung und langjähriger Ameropa-Chef, plane, „aus Angst vor Schikane wieder abzusagen“. Krumbach zählt zu den Menschen, die in der jüngeren Vergangenheit öffentlich kritisch mit der Politik Erdoogans umgegangen sind.
Walter Krumbach war offensichtlich nicht der einzige, der sich in der Türkei unwohl gefühlt hätte. „gloobi.de“: „… Zuletzt war die Rede von nur noch 300 Anmeldungen für die DRV-Jahrestagung, mit weiter rückläufiger Tendenz. Vergangenes Jahr flogen immerhin 800 Touristiker zu dem Event nach Lissabon. …“.

 

„Tiefe Verbundenheit und eine sehr ausgeprägte, vertrauensvolle Zusammenarbeit „

 

Die opulenten und fast klebrig wirkenden Sympathiebekundungen des DRV mit seinen türkischen Partnern kommen nicht ganz planlos – hat die deutsche Tourismusindustrie doch ein krakenartiges Netzwerk um viele Hotel Unternehmen und andere Dienstleister in der Türkei geschaffen. Die touristische Infrastruktur an den türkischen Küstenregionen, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten besonders zum Vorteil deutscher Reiseveranstalter ausgebaut wurde, hat bis zum erneuten Aufflammen des Krieges gegen die Kurden einen bis dahin nicht gekannten Boom erlebt.
Der DRV und einige seiner Mitglieder stellen mit der Unfähigkeit, sich auf neue politische Anforderungen einzustellen, erneut unter Beweis, dass ethisch einwandfreies Verhalten für sie höchstens sekundären Wert haben.
Bedauerlicherweise.

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